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Werner Nowotny Kinder- u. Jugendpsychotherapeut
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Philosophie
Hier gebe ich Einblicke in meine therapeutische Haltung und spreche über Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus meiner  Arbeit. Der Text spiegelt  die Komplexität und Vielfalt in meiner therapeutischen Arbeit. Der umfangreiche Text ist fortlaufend und nicht in Kapitel unterteilt.

 Wenn Sie darüber einen Dialog wünschen, können Sie mir schreiben: info@praxisnowotny.de . Ich werde, soweit die Zeit es mir erlaubt, gerne antworten.


Vom Ganzwerden

Ich wurde sicherlich

als ganzer Mensch geboren

doch dann hab ich

im Laufe meines frühen Lebens,

sehr Wichtiges von mir verloren.


Jetzt führt mein Weg mich hin

zu den verwaisten Teilen,

um sie zu sehen und zu fühlen -

sie zu umarmen

 und ganz in der Umarmung zu verweilen.
 

Hilda Nowotny  "Geschenkte Zeit" 2009


 

Persönliche Gedanken und Überlegungen zur Psychotherapie bei Kinder und Jugendlichen und ihren Familien

 

Die Kinder können in der Therapie ihr Spiel selbst bestimmen, im Mittelpunkt stehen die therapeutische Beziehung und die Kommunikation, das Spielen dient als Medium und Ausdrucksmöglichkeit. Kinder und Jugendliche schätzen neben dem Gespräch oft auch ein zwangloses oder kämpferisches Tischtennis- oder Billardmatch, das die nötige Distanz bietet und so auch wiederum ein sich Einlassen erleichtert.  Sandspiel, Malen, Basteln, Tonen und andere kreative Medien ermöglichen den kindgerechten Ausdruck der inneren und äußeren Befindlichkeit des Kindes. Über dieses Symbolspiel erfährt der Therapeut wichtige Züge der kindlichen Psyche, seiner Konflikte, Ängste, Aggressionen und Sorgen, aber auch seiner schöpferischen Kraft, seiner Intuition und seelischen Stärke. Er erfährt von den Kräften, Bildern, manchmal auch Mythen seiner tiefen Seele und verhilft diesen zum  Ausdruck in Spiel und kreativer Gestaltung. Rollenspiele, das Spiel mit Puppen,Figuren,  dem Playmobilhaus oder dem Playmobil-Krankenhaus geben oft wichtige Aufschlüsse über das Ich des Kindes, aber auch seiner familiären und anderen Beziehungen, seiner Gefühle, Ängste und Fantasien.

 

Als Psychotherapeut begleite ich das Kind in seine innere Welt mit Interesse, Respekt und Offenheit. Im therapeutischen  - altersangepaßten - Dialog versuche ich die kindliche Persönlichkeit wahrzunehmen und zu erfassen, die zur Therapie führenden Konflikte werden als Hinweise auf blockierte Lebenskräfte oder Ausdruck von Mangel, Verletzung oder als noch ungelebte eigene Seelen- und Persönlichkeitsanteile verstanden. Der Kindertherapeut prüft aber auch, inwieweit die Probleme des Kindes mit aktuellen oder zurückliegenden Problemen seiner Familie und Lebensumständen zusammenhängen und eine Reaktion darauf darstellen. Aufgabe von Kinder-u Jugendlichentherapie ist es auch, wo mögich, zu Verbesserungen in der äußeren Situation beizutragen. Denn das Kind ist oft der Symptomträger für Probleme, denen es ausgesetzt ist, aber selbst nur wenig Einfluß darauf hat.

 

Das achtsame und altersgerechte therapeutische Gespäch und damit der therapeutische Dialog spielen eine große Rolle. Es gibt Kinder, die sich sehr gut sprachlich äußern können und dabei oft Wahrnehmungen, Einsichten und Haltungen offenbaren, die immer wieder erstaunen und nachdenklich machen. Jedoch ist die Sprache bei manchen Kindern überhaupt nicht der Weg, sich ihnen anzunähern. Mit manchen Kindern findet kaum reflektierender Dialog statt. Stattdessen begleitet der Therapeut das Kind im Spiel,  oder auch schweigend, aber emotional aufmerksam in seine Spielwelt. Manche Kinder haben über viele Sitzungen hinweg "nur" geschwiegen, lagen in der Hängematte, ließen sich schaukeln oder sie spielten scheinbar ohne erkennbare äußere Interaktion mit dem Therapeuten, der vielleicht nur die Spielsachen reicht. Dennoch spielt sich oft da ein intensiver Kontakt ab, der durch die achtsame und zurückhaltende Präsenz des Therapeuten seine Wirkung hat. Es gibt ein beziehungsloses Schweigen und ein gemeinsames bezogenes Schweigen. Ist der Eindruck eher der einer Nicht-Bezogenheit, dann ist dies auch ein Hinweis auf eine mögliche Befindlichkeit des Kindes.

 

Ein wichtiges therapeutisches Instrument ist auch die Spiegelung und behutsame Deutung, so formuliere ich wo angezeigt Gefühle stellvertretend für das Kind und biete diese ebenso an wie gelegentliche Deutungen. Ob diese Angebote zutreffend sind, oder unangebracht, zeigt sich manchmal sofort, manchmal später, manchmal bleibt es auch ungeklärt. In den meisten Fällen ist jedoch im Rahmen einer tragenden therapeutischen Beziehung das Deuten eine zulässige und weiterführende Intervention. Es gibt als typische Reaktion oft ein erkennendes Lächeln, das auftritt, wenn ein Kind sich verstanden fühlt oder durch die Deutung ein neues oder tieferes Verständnis von sich selbst erlebt. Jedoch gibt auch Situationen, die eine Deutung nicht erlauben oder nicht ratsam erscheinen lassen. So fühlen sich Jugendliche oder Personen mit hoher Sensibilität und Verletztlichkeit schnell bloß gestellt oder haben das Gefühl, der Therapeut dringt mit seiner Intuition  in ihren inneren zu schützenden Raum ein, und bemächtigt sich mit seiner Deutung ihrer eigenen Befndlichkeit oder nimmt ihnen ihre Interpretationsautonomie.Das haben sie oft schon zuhause erlebt, durch Eltern oder andere Erwachsene, die behaupten, den Pat. besser zu kennen als dieser sich selbst. Deshalb gibt der Klient vor, wie weit der Therapeut gehen darf und wieweit nicht.

 

In der Arbeit mit Familien mit schwerer Krankheit oder Behinderung trifft der Therapeut - ebenso wie mancher neu in der Behandlung dazu kommende  Arzt - oft auf jahrelang erfahrene Experten ihrer Erkrankung oder Behinderung. Die Familie kennen sich oft sehr gut aus und haben viel Erfahrung, die der Behandler oft noch nicht hat. Diese Kompetenz gilt es wahrzunehmen, zu achten und zu nutzen. Nie sollte der professionelle Helfer, sei er Arzt, Psychotherapeut, Sozialarbeit  oder Seelsorger vergessen, dass er vom Patienten oder Klienten beauftragt ist und dessen Weg begleiten muss. So ist der Therapeut zu manchen Zeiten für den Pat. äußerst wichtig und zu anderen Zeiten tritt er wieder ganz in den Hintergrund und läßt zB der Familie oder anderen Helfern den Vortritt.

 

Bei Patienten mit traumatischen Erfahrungen zB nach sexuellem Missbrauch, gestaltet sich der Dialog oft schwierig, da die zugrundeliegenden Erlebnisse manchmal so tief vergraben sind, dass sich der Patient nicht mehr erinnern kann, dafür kann der Therapeut Symptome feststellen (zB innere Abwesenheit, Dissoziationen, emotionale Blockaden, gewisse Verhaltensauffälligkeiten und Symptome, Beziehungsstörungen, Selbstverletzung, Drogenkonsum etc.), die auf traumatische Verletzungen hinweisen. Es bedarf manchmal einer sehr langen Vertrauensbildung und geduldigen therapeutischen Bemühungen, bis Erinnerungen überhaupt auftauchen können und die Ereignisse, die das psychische Störungsbild verursachen, zugänglich  werden. Deshalb ist bei der Diagnostik auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass sich hinter dem Symptom eine Traumafolgestörung verbirgt.Diese können im Rahmen tiefenspychologischer Therapie oft gut behandelt werden, indem ihre Stabilität verbessert wird und viele der Traumastörungen bearbeitet und wesentlich gemildet werden, wodurch die Gesamtbelastung erheblich sinken kann. Oft werden Traumata im Laufe von Therapien überhaupt erstmals erkannt und bewußt. In manchen Fällen wirdh dann in eine Weiterbehandlung bei spezialisierten Therapeuten anschließend empfehlenswert. Oftmals ist nach meiner Erfahrung eine direkte Traumatherapie noch nicht sofort möglich.

 

In jüngster Zeit kommen auch Jugendliche zur Therapie, die schwer unter den Folgen von Flucht und Krieg leiden, zT als unbegleitete Jugendliche, die niemand mehr aus ihrer Familie mit sich haben, weil diese in der Heimat zurückleiben mussten oder sogar umgekommen sind. Die schlimmen Zustände in anderen Teilen der Welt kommen so unmittelbar zu uns und bedürfen hier der Zuwendung und Linderung. Lange Zeit waren Kriegsfolgen bei Kindern und Enkeln aus unserer eigene Geschichte festzustellen, die auch 70 Jahren nach Kriegsende noch deutliche Wirkungen haben. Jetzt strömt eine zT schwer traumatisierte Generation in unser Land und stellt die sozialen, pädagogischen und therapeutischen Dienste vor große Aufgaben - ja unsere gesamte Gesellschaft ist zu Solidarität und Mitmenschlichkeit aufgerufen. Diese veränderte Realität macht vor der psychotherapeutischen Praxis nicht Halt, im Gegenteil, wir sehen hier in oft erschütternder Weise, was sich hinter den Flüchtlingsschicksalen für menschliche Dramen verbergen. Vor 80 Jahren waren es die Menschen in unserem Land, die Leid gebracht und Leid erlitten haben. Jetzt sind es Menschen aus anderen Regionen der Welt, die unsere Hilfe brauchen. Im Laufe der Geschichte wechseln die Schauplätze von Krieg und Frieden, als Menschheit und Individuen sind wir immer betroffen.

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Der Zugang eines Kindes zu seinen verschütteten kreativen Kräften kann auch eine gesunde Lern- und Leistungsfähigkeit wieder ermöglichen. Es ist das besondere Privileg des therapeutischen Raums, jenseits von Leistung, Erziehung und Konkurrenz  Augenblicke zu ermöglichen, in denen er sich selbst und seinem eigenen Wesen begegnet. Dies trifft aber auch auf Jugendliche zu, die die Erfahrung, mit einer erwachsenen Person offen ihre auch verborgenen Gedanken und Nöte austauschen zu können, leider allzu oft nicht wirklich kennen und die dadurch eine wertvolle Möglichkeit erhalten, sich zu reflektieren und kennenzulernen. Sowohl die Schattenseiten, wie die oft noch unentdeckten Potentiale ihres Wesens.

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Psychotherapie ist oft auch ein Reframing: d.h. Erfahrungen werden auf einem neuen Hintergrund betrachtet und neu bewertet. So wie die Farbe Rot auf blauem Hintergrund ganz anders wirkt als auf gelbem, so werden Erfahrungen aus der früheren Lebenszeit auf dem Hintergrund der größeren Verständnismöglichkeit des Jugendlichen, zudem mit therapeutischer Unterstützung, oft in einem neuen Licht gesehen und bewertet. Besonders Patienten, die in ihrem Vertrauen tief verletzt, enttäuscht oder sogar missbraucht wurden, brauchen oft sehr lange, wieder Vertrauen zunächst in den Therapeuten und in der Folge auch wieder sich selbst und andere aufzubauen. Freilich bleibt diese Vertrauen oft zart und störbar und stellt an beide hohe Anforderungen an Authentizität und Geduld. So wird z.B. auch die Not des kleinen Kindes, das der Jugendliche einmal war, erstmals von jemanden gesehen, vom Therapeuten, aber auch vom Patienten selbst. Und oft kann der Jugendliche oder Erwachsenen mit seinem Wissen um diese Not dem kleinen inneren Kind sozusagen zur Seite stehen. Dieser Erfahrungs-prozess kann wirksam mit therapeutischen Übungen unterstützt werden, so mit Techniken aus der Gestalttherapie  (zB  der Patient. spricht abwechselnd als die heutige Person und das kleine Kind, das er mal war und das noch in ihm weiter lebt und endlich abgeholt und wahrgenommen werden möchte)  oder mit kreativen Medien oder mit der szenischen Darstellung mit Figuren, oder Therapeut und Patient übernehmen verschiedene Rollen und erforschen diese spielerisch, aber oft mit großer Wirkung.

 

Bei Jugendlichen und Adoleszenten ist die Therapiesitzung manchmal ein Ort, an dem sie sich - veranlaßt durch ein Problem, eine Schwierigkeit, ein vermeintliches Versagen, wegen bestimmter Symptome - nicht an einem weiteren Ort der Kritik und der Anforderung befinden, sondern lernen, dass hinter ihren Problemen sehr ernst zu nehmende und wichtige Gefühle, Nöte und Fragen verborgen sind. Dass sie zu ergründen es die Mühe wert ist, was zu wichtigen und ermutigenden Erkenntnissen über die eigene Person führen kann, so zur Entdeckung eigener Potentiale und Stärken.Dies erfordert Mut, Vertrauen und Ausdauer. Den inneren Dämonen und Drachen zu begegnen ist eine wahre Heldenreise, die wie die Heldenmythen durch viele verschiedene Phasen der Erfahrung und Herausforderung führen. Manchmal begleiten initia-torische Träume das Geschehen in Psyche und Seele. Initiatorisch sind Träume, wenn sie in einer bildhaften aber doch deutlichen Sprache signalisieren, dass der Träumer über eine Schwelle tritt, sich Unbekanntem stellen muss oder seinen Seelenanteilen in Form bestimmter Gestalten und Symbolen begegnet.So tauchen auch archetypische Gestalten auf und künden von einer neuen Entwicklungsstufe, oder weisen auf Gefahren hin.

 

Träume können psychologische Inhalte haben, Tagesreste oder Konfliktverarbeitung sein, manche Träume sind aber  m.E. keine psychologischen Träume, sondern Erfahrungen in anderen Bewusstseinszuständen, die nicht gedeutet werden können und dürfen. Sie müssen erfahren werden. Sie wirken selbstständig. Ein entsprechender Hinweis kann aber sehr verstärkend wirken.

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Eltern kommen oft schwer verunsichert in die Praxis, weil ihr Kind zB in Kindergarten oder Schule negativ auffällt und scheinbar nur Probleme macht und die Eltern bereits allzuviele negative Aussagen und Vorwürfe über ihr Kind gehört haben. Es ist Aufgabe der Therapie, diesen negativen Kreislauf möglichst zu unterbrechen und wieder zu positiven gegenseitigen Erfahrungen zu gelangen, einen neuen Blick auf das Kind und seine dahinterstehenden Nöte zu werfen, Kind und Eltern ggf, auch in Kindergarten und Schule zu unterstützen, auch dem Lehrer einen neuen Blick auf das Kind zu ermöglichen. Damit auch vorhandene negative Gruppendynamik in der Schulklasse zu verändern und so das Kind wieder zu integrieren oder ihm einen Wechsel zu empfehlen zB in eine geeignetere Schulart.

 

Eltern neigen dazu, oder werden auch oft von außen so gesehen, dass sie Schuld an dem Zustand ihres Kindes haben. Die Wirklichkeit ist meist viel komplexer, und manche Kinder sind aus sich heraus nicht leicht zu erziehen und führen, da verschiedene innere Gründe, auch zB  neurobiologisches Ungleichgewicht oder eine schnelle Erregbarkeit oder eine hohe Sensibilität  es den Kindern selbst aber auch ihrer Umwelt schwer machen. Diese Kinder und ihre Eltern zT auch die Lehrer müssen erst erkennen, dass es sich nicht einfach um eine Unart handelt, sondern eine schwierige Aufgabe für den Betroffenen selbst, eine gute Selbststeuerung zu erlangen, wozu sie die Unterstützung der Erwachsenen brauchen. Oder auch vielleicht die Unterstützung durch andere Therapien wie Ergotherapie, homöopathischer Begleitung oder durch den Besuch eines heilpädagogischen Horts. Eltern und insbesondere Mütter werden unterstützt, die Probleme ihres Kindes nicht als Versagen, sondern als Aufgabe zu sehen. Dazu ist oft Diagnostik notwendig, die ich aus grundsätzlichen Erwägungen vom therapeutischen Rahmen trenne und durch niedergelassene Kinderärzte,  Kinder- und Jugendpsychiater und Psychologen oder Ambulanzen durchführen lasse.


Von der Selbsterkenntnis


Selbsterkenntnis

ist Schattenarbeit

bei der wir uns hingebungsvoll

mit dem Licht verbinden

und liebend

unser Menschsein annehmen


Hilda Nowotny  "Vom Erwachen" 2008


 

Der Dialog mit Kindern bedarf Offenheit und viel Geduld, bis sich manchmal ein Thema plötzlich öffnet, so wie viele Eltern die Erfahrungen machen, dass ihr Kind vor dem Einschlafen in einer anderen Stimmung ist und manchmal sehr tiefe und wichtige Gespräche möglich werden. Es braucht Zeit und Geduld, auf solche kostbaren Momente zu warten und der Therapeut ist bestrebt, die oft sehr spezielle Sprache der Kinder zu verstehen und diese sprachlichen Äußerungen mit den anderen nichtsprachlichen Ausdrucksformen wie Körpersprache, Stimmung, Zeichnungen, Spielinhalte usw. als Ganzes wahrzunehmen und sich so immer mehr ein Verständnis der kindlichen Persönlichkeit zu erarbeiten.Dazu bedarf er des regelmäßigen Austausches mit den Eltern, denn ohne der Kenntnis des Kontextes würde manche Äußerung nicht verstanden werden.

 

Gerade kleine Kinder geben manchmal  Hinweise auf ein Wissen, das manchmal erstaunt und aus unbekannten Quellen stammt -  wie sie das wissen können, ist uns unbekannt. Es zeigt sich auch daran, dass es ein Wissen jenseits des kognitiv oder rational, ja bewusst Gewussten gibt. Personen, die mit Kindern oder auch schwer Kranken arbeiten, wissen darum. Doch dieses Wissen ist nicht auf Kranke beschränkt, wir alle haben diese intuitive Seite, meist wird sie aber nicht beachtet und genutzt. Deshalb sollten wir Kinder ernst nehmen und manche ungewöhnliche Äußerung beachten, auch bei den ganz gesunden Kindern. Manche gesunde Geschwisterkinder haben schon verzweifelt gestöhnt: "Muss ich auch erst krank werden, dass mir jemand zuhört und mich ernst nimmt?" Therapie ist so ein ernsthaftes Zuhören und manches störende Symptom hat Menschen in Therapie gebracht und bewirkt, dass sie sich selbst besser zuhören und ernst nehmen.

 …

Zumeist gilt es in der Psychotherapie, die Hindernisse in der Psyche zu verringern, die blockierten oder noch unverwirklichten  Seelenkräfte zu fördern und so der Seele des jeweiligen Individuums mehr Raum zu geben, zu wirken. Dadurch kann das Kind mehr mit seinem tiefen Wesen in Kontakt kommen im Rahmen seiner jeweiligen Lebensbedingungen. Damit das vom Kind Erlebte als real wahrgenommen werden kann, bedarf das Kind ausreichend der Wahrnehmung durch ein spiegelndes mit-fühlendes  Gegenüber. Erst dann kann vieles wahr werden, was das Kind vielleicht bereits in sich entdeckt hat. Das betrifft auch im besonderen die eigenen Gefühle.  Es kann als Person "wahr" werden. Ist das spiegelnde Gegenüber jedoch durch eigene Defizite und Verzerrungen der eigenen Wirklichkeit nicht in der Lage, das Kind so zu spiegeln, dass das Kind dann auch tatsächlich sich selbst erkennen kann, dann kann es passieren, dass das Kind die Gefühle und Haltung des Spiegels fälschlicherweise als seine eigenen einordnet. Es baut dann eine falsche Identität auf- In der Therapie besteht eine Chance, diese Verzerrungen zu korrigieren. Überhaupt kann es sein, dass das Kind ganze Gefühls- und Verhaltensmuster von anderen, zumeist den Eltern unbewußt übernimmt und mit sienen eigene Gefühlen verwechselt. Es kann sein, dass ein Kind bis ins Erwachsenenalter zu viele Persönlichkeitsanteile anderer verinnerlicht hat, und so nie "Kapitän auf dem eigenen Schiff " wird, weil es unbewußt von diesen verinnerlichten Figuren gesteuert wird. Oder es lernt in seiner adolszenten Entwicklung nicht, sich ganz seinen inneren und äußeren Raum zu nehmen. Es wird dann nie ganz autonom und verharrt in einer ungewußten aber sehr wirklungsvollen Art Symbiose, zB mit einem Elternteil, einem Geschwister oder manchmal sogar mit einem Verstorbenen, zb einem Geschwister. Diese "systemischen Aspekte unserer unbewußten Identität können in der Therapie mit speziellen therapeutischen Techniken veranschaulicht, erlebbar und korrigierbar gemacht werden.

 

Psychische Krisen und ihre Symptome werden neben dem Hinweis auf eine äußere konflikthafte Situation auch als Hilferuf der Seele verstanden, die leidet, weil sie in ihrer Entwicklung eingeschränkt ist und die sich entwickeln will. Es drängt die Seele zur Entwicklung, und auch deshalb erfahren wir manchmal so tiefen Schmerz oder Sehnsucht. "Dein Rufen nach mir ist mein Rufen nach dir", läßt in einer alten Sufi-Parabel Gott einem verzweifelten Menschen durch seinen Boten mitteilen. In diesem tiefen Sinn wird das Empfinden des  Mangels auch als ein Versuch dieser inneren Seite unseres Wesens  gesehen,  mit uns in Kontakt zu treten und sich auch über Schmerz oder auch Symptome mitzuteilen.  Sie teilt sich aber auch durch große Freude mit, wenn wir im Einklang mit unserem Wesen sind, wie es Abraham Maslow mit seinen "peak experiences" beschrieben hat.  Wer (nicht nur) kleine Kinder beobachtet mit welchem Strahlen und Glück sie auf freundlichen Kontakt, Aufmerksamkeit und Wahrgenommenwerden reagieren, oder wieviel Freude es ihnen macht, sich zu bewegen, weiß davon. 


  Vom einfachen Leben  

Einfach nur tun,
was der Tag verlangt.

Einfach nur geben,
was dir möglich ist.

Einfach nur nehmen,
was dir gut tut.

Einfach nur sein,
wer du wirklich bist.

 
Hilda Nowotny 08/2013


 

Sind Menschen jeden Alters mit ihrer Seele in Kontakt, fühlen sie sich lebendig, erfüllt und beseelt. Die neurotisch genannten Konflikte stellen ursprünglich meist  Notlösungen der Psyche zu Zeiten von psychischer oder existentieller Bedrängnis dar. Bleiben sie über den aktuellen Konflikt hinaus bestehen oder erstarren, führen sie zu neurotischen Mustern und Fixierungen, die für spätere Entwicklungsstufen nicht mehr geeignet sind und diese behindern. Die Tiefenpsychologie, die Psychoanalyse, die Individualpsychologie, die Psychologie C.G. Jungs sowie die vielen Erfahrungen und Theorien der verschiedensten Psychotherapie Schulen  bieten hier reiches Wissen, aber auch therapeutische Lösungswege an. Reiches Wissen stammt nicht nur aus traditionellen und etablierten psychotherapeutischen, akademischen Richtungen, sondern viele wichtige Impulse stammen aus der humanistischen oder transpersonalen Psychologie und zunehmend aus dem Bereich der Neurobiologie, der Bewußtseinsforschung und der Achtsamkeitspsychologie, die sich z.B. an den Erfahrungen der buddhistischen Psychologie orientiert. Überhaupt bieten die Erkenntnisse und Erfahrungen  verschiedener Philosophien und Weisheitslehren aus aller Welt oft sehr wichtige Orientierung und Impulse bei den existenziellen Fragen des Menschseins. Auch in Dichtung, Kunst und Musik finden wir wichtige Erfahrungen und Aussagen über unsere Existenz wieder. Nicht zuletzt finden wir in den Religionen wichtige Erfahrungen, Erkenntnisse und Hinweise, wenn wir jenseits von Dogma und allzu wörtlicher Auslegung gehen, wenn wir die Gleichnisse in ihrem tiefen Gehalt verstehen lernen und darin die Sprache der Seele und unserem Eingebettetsein in die großen kosmischen Zusammenhänge sehen lernen. Schließlich betreibt das Universum einen gigantischen Aufwand, der es uns erst ermöglicht auf unserem Planeten Erde zu leben. Sinnfragen sind von zutiefst existentieller Bedeutung, spätestens ab dem Erwerb der Sprache und dem sich entwickelnden reflektiven Denken. Auch Kinder und Jugendliche wollen ihr Leben und sich verstehen und den Sinn darin erkennen, besonders wenn sie in große Not geraten. Auch in den allermeisten neurotischen und psychischen Störungsformen finden sich diese Fragen nach dem eigenen Selbst-Wert, der eigenen Identität, dem Sinn seines Lebens und den Fragen der Existenz. Psychotherapie beschäftigt sich deshalb immer auch mit diesen Fragen, insbesondere im jugendlichen Alter und bei schweren inneren oder äußeren Problemen,  bei schwerer oder lebensbedrohlicher Krankheit. Fragen, denen viele Erwachsene am liebsten ausweichen würden und worüber viele sich sehr schwer tun, mit ihren Angehörigen und besonders den Kindern zu sprechen, obwohl sie darin gerade unerwartete helfende Kräfte finden könnten. Aufgabe des Therapeuten ist eine Hilfestellung beim Finden der eigenen Fragen und der eigenen Antworten. Durch den therapeutischen Prozess lernt der Patient auch, das Leben als einen fortwährend Prozess zu begreifen und Krisen als Teil unserer menschlichen Existenz zu sehen und nicht nur als persönliches Versagen oder Unglück. Er lernt sich und andere besser wahrzunehmen und dadurch bessere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

 

Da die oben erwähnten neurotischen Muster zumeist  mit großer innerer Not verbunden sind, sind es paradoxerweise manchmal die Überlebenskräfte selbst, die es dem Betroffenen erschweren, sich von diesen erstarrten Mustern zu lösen. So wie ein Baumstamm im reißenden Fluß vor dem Ertrinken retten kann, kann er einen, wenn man ihn nicht vor dem Wasserfall losläßt und das Ufer zu erreichen sucht, mit hinunter reißen. Das Loslassen von den alten Mustern erfordert Mut und dazu bedarf es oft Ermutigung und Unterstützung, was zu korrigierenden heilsamen Erfahrungen führen kann. Jedoch reichen Ermutigungen oft nicht aus, da sich hartnäckige unbewußte Muster und Konflikt ein der Psyche verbergen und Lösungen verbauen, hier  bedarf es teifenpsychologisch fundierten oder psychonanalytischen Vorgehensweisen, um diese unbewußten Konflikte aufzuspüren und möglichst zu lösen. Erstarrung und Fixierung deuten oft auf Überforderung oder Angst hin und das Bedürfnis, alles zu kontrollieren, um sich zu sichern. Damit wird aber das Problem nicht gelöst, sondern neue werden geschaffen. Diese Ängst müssen bewußt werden, dann können neue Lösungen gefunden werden.  Das gilt für alle Altersgruppen. Die Aufgaben sind oft phasenspezifisch und auch die Lösungen.

 

Doch manches kann man nicht loslassen, sondern man muss lernen, damit zu leben, sei es eine Behinderung, eine chronische Erkrankung oder andere Einschränkungen, persönliche Eigenheiten  oder der Verlust eines Menschen, seiner gesellschaftlichen Position, seines Berufs oder seiner Heimat, womit zumeist auch die soziale identität bedroht wird. Der Verlust eines geliebten Menschen, eines Kindes, eines Geschwisters, eines Elternteil, der Heimat bleibt ein Verlust. Die Beziehungen aber bleiben in uns ein Leben lang bestehen. Aber sie wandeln sich. Trauerarbeit heißt nicht Vergessen des Verstorbenen, sondern diese Beziehungen werden  manchmal mit der Zeit in uns sogar noch stärker . Trauer ist ein höchst individueller Prozess, den darf und soll jeder ihm gemäß gestalten, frei von den oft ungeduldigen und unverständigen Forderungen der Umwelt. Manches Leid entsteht für Trauernde zusätzlich durch das Unwissen der Umwelt und deren oft vorschnellen Ratschlägen, die dann aber mehr wie Forderungen auf die Trauernden wirken.  Es gibt leider eine Tendenz in der Medizin und auch Psychotherapie, Trauer und Leiden an Schicksalschlägen zu pathologisieren, zu diagnostizieren  und/oder vorschnell Medikamente zu verabreichen, um den Betroffenen so schnell wie möglich aus seinen schwierigen Gefühlen oder Zuständen  herauszuholen. Jedoch sind viele der oft auch dramatischen Gefühle natürlich und der Situation völlig angemessen, jedoch für die Umgebung oder professionellen Helfer schwer auszuhalten. Die vorschnelle Pathologisierung von Trauer erscheint mir ein Spiegel gesellschaftlichen Unbehagens mit unserer Vergänglichkeit und Verletzlichkeit. Dennoch kann ein Psyhotherapeut wertvolle Hilfestellung bei diesen Lebensfragen geben und die Manifestation psychischer Störungen gerade bei Kindern wirksam verhüten helfen.  Das vorschnelle Verabreichen von Beruhigungsmittel aber behindert oft den natürlichen Trauer- und Verarbeitungsprozess, kann jedoch vorübergehend notwendig und sinnvoll sein. Andererseits gab und gibt es auch ein falsches Zögern, schwere psychische Symptome und  körperliche Schmerzzustände ausreichend schmerztherapeutisch zu bekämpfen. Hier hat gerade die Palliativmedizin, wie in vielen anderen Aspekten auch, Pionierarbeit für die ganze Medizin und psychosoziale Versorgung geleistet.

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Naturgemäß ist bei Kindern und Jugendlichen die Familie, der Kindergarten, die Schule ihr prägendes Lebensumfeld. Die Strukturen dieser Lebenswelt haben einen großen Einfluss auf das Kind, im Guten wie im Schlechten. Deshalb versucht der Kindertherapeut, das Umfeld, vorallem die Familie und insbesondere die Eltern in die Entwicklungsarbeit einzubeziehen. Viele Entwicklungsschritte werden für die Kinder erst möglich,wenn die Eltern ihrerseits an den eigenen Mustern zu arbeiten beginnen. Dabei unterstützt sie der Kindertherapeut im Rahmen der begleitenden Therapie der Bezugspersonen.  So wird die Kindertherapie im besten Fall ein wichtiger Entwicklungsanreiz oder -Impuls auch für die Eltern. Kindertherapie ist kein Reparaturbetrieb, bei dem man das Kind abgibt, sondern erfordert immer eigene Entwicklung bei den Bezugspersonen. In den Problemen der Kinder spiegeln sich oft auch eigene oder familiäre ungelöste Fragestellungen, eigener Mangel und eigene Verletzungen, die ihrerseits oft in die Kindheit oder noch weiter in die Herkunftsfamilien der Eltern zurückreichen.Man spricht von transgenerationalen Zusammenhängen.

 

Deshalb sind die Ziele der Eltern, wenn es sich um bloße Anpassungswünsche oder äußere Erfolge bei den Kindern handelt, nicht immer deckungsgleich mit dem unausgesprochenen Auftrag, den das Kind an den Therapeuten stellt. Hier bedarf es dann gründlicher Gespräche mit den Eltern über deren Vorstellungen und den Folgen für das Kind. Da elterliche Vorstellungen und Werte oft mit der eigenen Herkunftsfamilie verknüpft sind,  ist eine generationsübergreifende Perspektive oft unerlässlich. Dazu kann besonders zu diagnostischen Zwecken eine Systemaufstellung mit Figuren einen wichtigen Beitrag liefern, um Therapeuten und Eltern Einblicke in das Kräftefeld der Familiendynamik  zu geben, in dem sie sich mit ihren Kindern bewegen. So können Wirkungsmöglichkeiten identifiziert und schicksalshafte Umstände als solche erkannt und respektiert werden. Somit können die eigenen Kräfte sinnvoller eingesetzt werden.

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Zur Einbeziehung des Umfeldes des Kindes gehört natürlich auch wo angezeigt der Kontakt zum Kindergarten, zu Lehrern, der Schule, dem Hort oder den Mitarbeitern der Jugendhilfe, bei kranken Kindern zu den  behandelnden Ärzten,  Kliniken und den beteiligten Institutionen und Diensten. Manchmal kann der Kindertherapeut den medizinischen Behandlern wichtige Hinweise auf die psychische und familiäre Situation des Kindes geben, so dass ihre Interventionen besser auf das Befinden des Kindes abgestellt werden können oder auch manche Behandlungswiderstände seitens des Kindes oder der Familie besser verstanden und respektiert oder aufgelöst werden können. Besonders bei existentiellen Entscheidungen wie einer Therapiezieländerung in der palliativen Phase bedarf es der engen Kooperation zwischen Familie, Medizin und Psychotherapie, um Kind und Familie so gut wie möglich unterstützen und beraten zu können.

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Aus vielerlei Gründen können Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht immer oder zu jeder Zeit gerecht werden. Den Kindern fehlt es in der Folge dann an den von mir einfachheitshalber so genannten "Elternvitaminen", das können "Mutter-" oder "Vatervitamine" sein, also bildlich gesprochen essentielle emotionale Baustoffe, die das heranwachsende Kind für seine Entwicklung unbedingt benötigt. Was und wieviel ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Wenn eine Frau Mutter, ein Mann Vater wird, dann bekommt diese Person nach meiner Auffassung vom Leben her sozusagen den Auftrag, für dieses Kind so gut es geht zu sorgen. Die Frau, der Mann müssen als die Personen, die sie sind, nunmehr die Elternrolle ausfüllen. Das Leben verteilt diesen "Lebens-Job". Er ist eigentlich überpersönlich, wie das Khalil Gibran in seinem berühmten Sinngedicht "Von den Kindern" im Büchlein "Der Prophet" es so deutlich ausdrückt. Und Elternsein muss gelernt werden, leider werden wir darauf oft nur unzureichend vorbereitet und viele wertvolle Erfahrungen bleiben so ungenutzt.

 


Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürfte ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürfte ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt,

nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürfte euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

 

Khalil Gibran, libanesischer Dichter, 1883-1931 

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Mir ist es sehr wichtig, die Patienten altersgemäß mit der Funktionsweise ihrer Psyche oder ihrer Beziehungen vertraut zu machen und die Therapie so transparent zu machen, dass sie zunehmend selbst in die Lage kommen, diese Erfahrungen und dieses gewonnene Wissen in ihrem Leben selbständig anzuwenden. Ziel ist es ja, die Therapie überflüssig zu machen. Dies betrifft vor allem die Arbeit mit älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in der Therapie in ihrer Autonomie gestärkt werden sollen. Dazu benötigen sie ein Grundverständnis für ihr eigene Psyche und ihre Gefühle und Besonderheiten, auch ihrer Gefährdungen, für ihre wirklichen Stärken und auch für ihre vorhandenen Schwächen. Der Ablösungsprozess von den Eltern und das Hineinwachsen in das Erwachsenenleben stellen enorme Lebensaufgaben dar, in dieser Zeit geraten viele junge Menschen in schwere Krisen, die dank einer Therapie oft zu erfreulichen Reifungsschritten führen können. Oft bezahlt manchmal mit einem hohen Preis an Leid und schwierigen Zeiten, die aber, werden sie bewältigt, zu wertvollen Lebenserfahrungen werden können.

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Doch Therapie begleitet nur durch einen bestimmten Lebensabschnitt. Manche tiefe Lebensthemen tauchen im Lebenszyklus immer wieder auf, auch im späteren Leben. Manche Themen und Aufgaben können auch erst später im Leben wirklich verarbeitet werden, wenn die Gesamtpersönlichkeit reifer und stabiler geworden ist.  Deswegen kann Therapie nicht den Anspruch haben, dass damit alle möglichen Probleme in der Psyche ein für allemal erledigt sind. Leben ist stetiger Wandel, und Wandel bedeutet auch Vergänglichkeit, Abschied und immer wieder Neubeginn. Was das Leben für uns bereit hält, wissen wir nicht. Ob ein Ereignis sich auf Dauer als gut oder schlecht erweist, wissen wir zunächst nicht. Manche schwierige Zeit erweist sich später auch als Quelle von Erfahrung und Reifung. Manche Erfahrung bleibt dennoch dauerhaft schmerzlich. Therapie kann und soll diesen Schmerz nicht "wegtherapieren", er ist Teil der Lebenswirklichkeit. Therapie kann aber helfen, ihn zu ertragen, damit zu leben. Trost bedeutet oft, den Schmerz des anderen wahrzunehmen, soweit möglich mitzufühlen und ihn in seiner ganzen Tragweite für den Betroffenen anzuerkennen. Es tröstet oft mehr, wenn man bestätigt: " das ist jetzt ganz schwer für sich" als den Schmerz herunterzuspielen. Aber es ist auch wichtig zu wissen, dass viele schwerwiegende Erfahrungen von einem Nichtbetroffenen nur zum Teil nachvollzogen werden können. Das gilt es zu respektieren, auch für den Therapeuten, der nicht selten über die Geschichte des Patienten ihm bis dahin unbekannte Erfahrungen mitgeteilt bekommt.
 

Es ist deshalb wichtig, diese Erfahrungen anzunehmen, sich auf Unbekanntes und manchmal schwer Nachvollziehbares einzulassen und die eigenen Konzepte laufend zu modifizieren. Vieles jedoch bleibt auch dem offenen Zeugen nicht vollständig zugänglich, da nur die eigene Erfahrung als Betroffener einen dazu befähigt. Betroffene haben oft ein so hohen Preis für diese Erfahrungen bezahlt, da gilt es, die Grenzen eigener Verständnismöglichkeit anerkennen. So kann manchmal das therapeutisches Gespräch den Kontakt zu selbst Betroffenen nicht ersetzen, nur ergänzen. Ich vermittle  auf Wunsch auch Kontakte zu Selbsthilfeorganisationen oder bei gegenseitigem Einverständnis zu anderen betroffenen Patienten. Doch nicht wenige Betroffene möchten gar nicht oder erst nach einer geraumen Zeit solche Kontakt aufnehmen, da sie noch ganz stark den Rückzug und Schutz benötigen und sich nicht zusätzlich mit dem Leid anderer konfrontieren können. Da ist dann der geschützte therapeutische Rahmen eine Alternative. Kinder suchen z.B nach überstandener schwerer Krankheit oft ganz bewusst die Welt der Gesunden und wollen nicht mehr an ihre Erfahrungen erinnert werden. Andere wiederum erleben ihre Veränderung durch ihre Erfahrungen als trennend und haben Schwierigkeiten, sich wieder unter Gleichaltrigen zurecht zu finden, die nicht wie sie selbst bereits am Rande ihres Leben gestanden haben oder andere schwerwiegende Erfahrungen wie Migration oder Missbrauch erlebt haben. Sie finden - wie manch Hochbegabte auch -  unter Nichtbetroffenen keine gegeigneten Gesprächspartner oder sie fühlen sich nicht verstanden und damit auch einsam.

 

Potentiell weiß der Patient viel mehr als der Therapeut, ja letztlich weiß nur er von seiner inneren Wirklichkeit. Ein anschauliches Bild dafür wäre vielleicht, dass der Therapeut ein erfahrener Reisender in den Landschaften der inneren Welt ist, jede Reise in die Welt des Patienten ist jedoch auch Neuland für ihn und oft auch den Patienten und erfordert Umsicht und Offenheit. Jugendliche schätzen zumeist diese Sicht, da sie oft Bedenken haben, dass jemand ihnen sagen will, wer sie sind und sie dies nicht selbst herausfinden können. Sie wollen gerade in ihrem Anderssein angenommen und verstanden  und nicht von Erwachsenen  belehrt  oder nach deren Maßstäben beurteilt werden. Fühlen sie sich ernst genommen, können sie durchaus auch andere Sichtweisen oder Beurteilungen annehmen oder bedenken. Doch dafür muss der Therapeut oft gründlich getestet und herausgefordert werden, ob er dies auch aushalten kann.

 

Manchmal können Eltern aus persönlichen Umständen heraus nur wenige dieser oben genannten "Vitamine" bieten, meist weil sie selbst als Kinder unterversorgt waren mit diesen Nährstoffen, oder weil sie stattdessen Schädliches erfahren haben, das seine Spuren hinterlassen hat. Dann müssen sich die Kinder diese Vitamine auch woanders holen. Das können Verwandte wie Großeltern sein, aber auch Lehrer, Freunde, ja sogar Figuren aus Büchern und Filmen. Manchmal ist es für eine begrenzte Zeit der Therapeut, der stellvertretend und an Eltern Statt das Kind mit wichtigen solchen seelischen und psychischen Nährstoffen versorgt. Und der sich bemüht, daß die Eltern selbst wieder dazu in die Lage kommen. Manchmal empfiehlt er deshalb einem Elternteil eine eigene Therapie zur Aufarbeitung solcher Mangelzustände oder zur Linderung seelischer Verletzungen in der eigenen Kindheit. Damit wird oft die Tradition des Mangels und der Verletzung, manchmal auch der Tabuisierung heilsam unterbrochen.

 

 

Gerade in der Arbeit mit Familien mit sehr schweren Schicksalen wie mit schweren Erkrankungen oder Behinderung bei den Kindern oder den Eltern, bei chronischer oder lebensverkürzender Erkrankung, bei Todesfällen, Unfällen, Suiziden,  Drogenabhängigkeit, psychischer Erkrankung, Migration und Flucht , ja bei allen schweren  persönlichen Schicksalsschlägen wird schmerzlich deutlich, wie unvermittelt Krankheit oder anderes über Familien hereinbrechen können und dann jeder sehr persönlich seinen Weg finden muss, mit dem oft unerträglich Erscheinenden umzugehen und sich ihm zu stellen. Diese Aufgaben machen vor keiner Altersgruppe halt, jeder muss sich dann Umständen und Herausforderungen stellen, deren Bewältigung sie erst lernen müssen. Sie müssen Ohnmacht auszuhalten lernen und die Tatsache, dass sie sich für vieles um so viel mehr bemühen müssen, als scheinbar die Anderen.

 

 Hilda Nowotny in  "Medtative Selbstheilung" Schirner Verlag 2017

 

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Eine Erfahrung meiner Arbeit mit Menschen ist, dass wir am ehesten die Kraft haben und geeignete Wege finden, mit Schwerem umzugehen, wenn wir die Realität unserer Situation anerkennen und versuchen, uns ihr zu stellen. Dann erleben die Betroffenen oft, dass sie Kräfte erlangen oder Fähigkeiten entdecken, von denen sie nichts gewusst haben, die sie sich nicht vorstellen konnten und denen sie erst durch das Überschreiten der vertrauten Wege und Konzepte begegnen. Deshalb ist es so wichtig, dass in Familien auch und gerade bei schweren Ereignissen allen Betroffenen in altersgerechter Weise diese Realität auch vermittelt wird, so schlimm sie auch ist. Jeder Mensch hat nach meiner Überzeugung das Grundrecht über sein Leben und seine existentiellen Lebensumstände Bescheid zu wissen, auch kleine Kinder. Tabus, die oft aufgebaut werden, um jemanden vermeintlich zu schützen, erweisen sich regelmäßig als "Energiefresser"  und Entwicklungs- und Bewältigungsbremsen für den einzelnen und die ganze Familie. Doch sich der Wahrheit zu stellen gelingt oft erst nach einem längeren oft schmerzlichen Lernprozess, bei denen therapeutische Begleitung gezielt und wirkungsvoll unterstützen kann. Zunächst ist es oft der Therapeut, der stellvertretend diese Haltung zeigt und anwendet. Dies kann die Klienten ermutigen, selbst sich der eigenen Erfahrung zu stellen. Interessanterweise gibt es Forschungsergebnisse, die bestätigen, dass nicht die Krankheit selbst das wichtigste Kriterium für die Gefährdung der seelischen Gesundheit auch der Kinder darstellt, sondern der Umgang mit der Krankheit oder dem schweren Ereignis. Das finde ich sehr ermutigend, denn an diesem Teil des Geschehens können wir aktiv mitwirken.

 

So wie Jim Knopf in der Wüste aus kindlicher Unerfahrenheit vor dem Riesen Herr Tur Tur weglaufen will, weil er sich noch nicht  traut, wie der reife Lukas dem Lokomotivführer nicht dem ersten Augenschein zu vertrauen, sondern achtsam  wahrzunehmen und zu prüfen. So hat der anscheinend riesige Riese eine ganz sanfte Stimme, was Lukas veranlaßt, den Riesen zum Nähertreten aufzufordern, sehr zum Entsetzen von Jim Knopf. Doch was geschieht? Der schrecklich große Riese wird immer kleiner, je näher er kommt und ist schließlich kaum so groß wie Jim Knopf, dabei überaus höflich und sanftmütig. Es war ein Scheinriese. So lehrt uns Michael Ende in dieser  bezaubernden Geschichte viel über Angst und Wegschauen und über den Mut hinzuschauen, so dass wir die Probleme bewältigen können.. freilich lösen sich im wirklichen Leben nicht alle Schrecken in Wohlgefallen auf wie im Märchen, hier erweisen sie sich manche bei näherem Hinschauen als weiterhin schrecklich. Das gehört dann zur Realität, mit der wir schicksalsmäßig umgehen lernen müssen. Therapie kann manches lösen helfen, aber nicht erlösen...

 

"Herr Tur Tur ist ein sogenannter Scheinriese; je weiter man sich von ihm entfernt, desto größer scheint er. Nur wer sich ganz nah an ihn heran wagt, erkennt, dass er genauso groß ist wie jeder normale Mensch. Weil sich das aber niemand traut, ist Herr Tur Tur sehr einsam." 

Quelle:  Wikipedia

 

 

 

Siehst du einen Riesen,
so prüfe den Stand der Sonne und gib Acht,
ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.

(Friedrich von Hardenberg)

 

Gerne verwende ich auch Spielfiguren für System- und Symptomaufstellungen.Sie veranschaulichen manchmal eindrucksvoll tiefenpsychologische und psychonanalytische sowie systemische Erkenntnisse. Hier zeigen schon Kinder intuitiv Einsicht über ihre familiäre Beziehungen oder können an einem Problem wie zB Schulangst arbeiten und so oft überraschende eigene Lösungen finden. Eltern können mit diesem anschaulichen Medium oft viel besser selbst erkennen als nur im Gespräch, wie die Beziehungsdynamik in der Familie wirkt, oft auch völlig neue Einblicke und Lösungen finden. Hier wird nicht so sehr vom Therapeuten gedeutet, sondern der Klient  lernt, selbst zu spüren und seine Wahrnehmung und Intuition zu schulen, so  erfährt er oft sehr präzise, wie und was er fühlt und was bestimmte Positionen und Haltungen für Wirkungen haben, auch wird die Erfahrung ermöglicht, generationsübergreifende Zusammenhänge und Wirkungen zu erkennen.

 


 Systemaufstellungsbeispiel

 

 Familie, Freunde und Haustier (diese äußeren Helfer repräsentieren auch innere Kräfte)

helfen einem Kind, seine Schulangst anzuschauen und zu überwinden.

Im  therapeut. Gespräch geschieht das schließlich im Symbolspiel.

 Und dann auch im richtigen Leben!